Dr. Maria Flachsbarth, Mitglied des Deutschen Bundestages
Abgeordnete für den Wahlkreis II Hannover-Land


Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
weitere Reden

Grußwort zur Benefizveranstaltung zu Gunsten der Hospizstiftung Niedersachsen in Laatzen, 31. Oktober 2008


Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident Seiters,
sehr geehrter Herr Bürgermeister Prinz,
sehr geehrter Herr Thiele, Herr Domdey,
meine sehr geehrten Damen und Herren, 

vielen Dank für die Einladung zu dieser Benefizveranstaltung, für die ich sehr gern die Schirmherrschaft übernommen habe.

Sie haben mich gebeten, in meinem Grußwort auf die Themen Hospizarbeit und Palliativmedizin einzugehen. Dem will ich gern nachkommen:

„Lebenssatt, im Frieden mit meinen Mitmenschen, zuhause und umgeben mit Menschen, die ich lieb habe.“ so würde ich die Frage: „wie möchten Sie sterben?“ – nach dem Fragebogen von Marcel Proust – beantworten. 

Leider geht dieser Wunsch noch für viel zu wenige Menschen in Erfüllung. Nach wie vor sterben zwei Drittel aller Menschen im Krankenhaus, viele fühlen sich verlassen und haben Angst vor dem Sterben. Der Grund liegt darin, dass in vielen Fällen der Wunsch, die letzten Tage, Wochen und Monate in der gewohnten Umgebung zu verbringen, am Mangel an pflegerischer, medizinischer und seelsorgerischer Unterstützung vor Ort scheitert. Noch immer gelten Krankenhäuser für das Sterben als zuständig, unabhängig davon welche Art von Zuwendung die Sterbenden unter den Bedingungen des Krankenhauses erhalten können.

Ursache für die mangelnde Betreuung Sterbender liegt sicherlich auch im Fortschritt der modernen Medizin und der damit einhergehenden steigenden Lebenserwartung. Die vermeintliche Verlagerung des Sterbens immer weiter in die Zukunft verursacht eine zunehmende Verdrängung des Sterbens. Über Tod und Sterben wird zwar viel diskutiert, aber das Sterben nur selten erlebt. Man ist versucht zu ignorieren, dass das Sterben zum Leben genauso dazu gehört, wie die Geburt.
 
Die Hospizbewegung ist dabei, diese Einstellung zu Leben und Sterben entscheidend zu verändern: Immer mehr Menschen beginnen zu begreifen, dass trotz steigender Lebenserwartung, der Tod zu einem jeden Lebens dazu gehört.

Schon vor 500 Jahren, im Mittelalter, war das Alleinsein beim Sterben als gravierendes Problem erkannt worden. Schon damals wurde mit der „Kunst des Sterbens“ auch in der darstellenden Kunst (ars moriendi), ein Leitfaden für die letzten Momente im Leben in Form einer Holzschnittfolge für unsere damals größtenteils leseunkundigen Vorfahren als Bildserie gefertigt. Diese damals als „Sterbebüchlein“ benannten kleinformatigen Bilderbücher, konnte man in der Tasche bei sich haben. Sie dienten zur jederzeitigen „guten“ Vorbereitung auf den Tod, der einen damals infolge der vielen Epidemien und Kriege sowie auf gefährlichen Reisen faktisch ständig ereilen konnte.

So ist denn auch die Bereitschaft, sich um Sterbende zu kümmern und ihnen die Angst vor dem Sterben zu nehmen, uralt. Im Mittelalter waren es vor allem christliche Orden, die zahlreiche Hospize in Europa errichteten. Hospiz bedeutet „Gastfreundschaft“, die seit jeher als christliche Tugend gilt. Diese Hospize boten nicht nur Reisenden Schutz und Geborgenheit, sondern eben auch Armen, Kranken und Sterbenden im Sinne eines „Hotel du bon Dieu“.

Für damals wie heute gilt: Den Sterbenden und seinen Angehörigen soll ein Sterben in Würde, ohne Angst - und – das ist erst heutige mit Hilfe der modernen Medizin möglich - Schmerzen ermöglicht werden. Deshalb ist die Palliativmedizin (lat. Pallium = Mantel) untrennbar mit der Hospizarbeit verbunden. Sie sorgt dafür, dass der Sterbende auch in der letzten Phase seines Lebens schmerzfrei sein kann und andere Beschwerden, wie Atemnot und Übelkeit, gelindert werden.

Die Aufgabe der Sterbebegleitung in Hospizen ist jedoch sehr vielfältig: denn nicht nur der Schwerkranke oder Sterbende muss betreut werden, sondern dazu gehört eben auch die Begleitung und Schulung der Angehörigen, die durch das Sterben des ihnen nahestehenden Menschen mit ihren Ängsten vor dem eigenen Tod umgehen lernen müssen. Und konfrontiert werden zugleich alle Helfenden mit ihrer Angst vor dem eigenen Sterben, wie auch der Arzt mit den Grenzen seiner Kunst, die Krankenschwester und der Pfleger mit der Vergeblichkeit ihrer Pflege und der Seelsorger mit der Frage nach dem Warum des Leidens.

Obwohl es christliche Tradition ist, Sterbende zu begleiten, konnte die Hospizidee, wie wir sie heute kennen, nur langsam Fuß in Deutschland fassen. Lange Zeit missverstand man Hospiz als Synonym für „Sterbeklinik“. Es entstand der Eindruck, dass Sterbende „abgeschoben“ würden. Außerdem brachte man diese Sterbekliniken wieder fälschlicherweise in den furchtbaren Zusammenhang mit der Euthanasie-Debatte. So bedurfte es vieler Diskussionen, Klarstellungen, übrigens auch bei den Kirchen, um aus dieser Sackgasse wieder herauszufinden.

Den Durchbruch in der öffentlichen Diskussion um die „Sterbeklinik“ bewirkte Professor Johann-Christoph Student aus Hannover mit seinem Aufsatz „Hospiz versus Sterbeklinik“ im Jahr 1985. Sein Wirken zielte darauf hin, alte Traditionen des menschlichen Umgangs mit Sterbenden wieder zu entdecken, und sie in die veränderte Welt hinein zu setzen. Doch erst 1995 wurde die Deutsche Hospiz Stiftung gegründet. In Deutschland gibt es inzwischen: 162 stationäre Hospize; 166 Palliativstationen und immerhin 1.500 ambulante Dienste und ca. 80.000 in diesem Bereich ehrenamtlich tätige Menschen.  Ohne sie wäre eine wirkungsvolle Hospizarbeit in Deutschland gar nicht möglich.

Als Leitlinie für diese Arbeit ist das christliche Menschenbild Grundlage und Hilfe.  Die beiden großen christlichen Kirchen helfen uns zu definieren, was als „menschenwürdiges Sterben“ zu verstehen sein soll. 1996 gab es dazu richtungweisend ein gemeinsames Wort der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland „Leben bis zuletzt – Sterben als Teil des Lebens“. Und Papst Johannes Paul II bezeichnete Hospize 1992 als „Inseln der Humanität“ und hat zur Errichtung weiterer Hospize ermutigt. 

Die christliche Sicht auf Sterben und Tod verwahrt sich gegen die Verdrängung des Todes aus unserer Wahrnehmung. und „dass das Sterben nicht etwa als ein vermeidbares Geschehen mit dem Missgeschick des Todes als Resultat verstanden wird.“ - so formulierte es Professor Wolfgang Huber 2003 in der Laudatio bei der Verleihung des Gustav-Heinmann-Preises an die Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz. Aus christlichem Verständnis sind lebensverkürzende Maßnahmen im Sinne aktiver Sterbehilfe ebenso wenig zulässig wie der Versuch, sterbendes Leben ohne begründete Hoffnung auf Besserung medizinisch zu erhalten. Der Christ lebt und stirbt nicht nur für sich allein, sondern im Vertrauen auf Gott.

Ich möchte noch einmal ausdrücklich hervorheben: mit dem christlichen Menschenbild nicht zu vereinbaren und für die Christdemokraten deshalb nachdrücklich abzulehnen ist die aktive Sterbehilfe, so wie es Organisationen wie Dignitas oder ä. zum Ziel haben. Der Fall um die Sterbehilfe von Senator Kusch in Hamburg zeigt, dass Menschen aus Angst vor einem fremdbestimmten Leben bzw. Sterben in einem Pflegeheim lieber den Freitod suchen. Ich bin überzeugt, dass diese Menschen Hilfe zum Leben gebrauchen und nicht Hilfe zum Sterben.
Deshalb müssen wir als Politik und Gesellschaft diesen Aktivitäten am Rande der Legalität entgegenwirken, und dafür sorgen, dass das Verbot der aktiven Sterbehilfe bestehen bleibt. Und zugleich zeigt diese Problematik, wie wichtig es ist, die Hospizidee und die Palliativmedizin weiter zu stärken.

Auf Ebene der Bundespolitik gab es vor allem im letzten und diesem Jahr diesbezüglich große Fortschritte. Im Koalitionsvertrag hatten sich CDU/CSU und SPD darauf verständigt, die Hospizarbeit und die Palliativmedizin in Deutschland in jeder Hinsicht zu stärken. Schon im Juni 2005 hatte die Enquetekommission „Ethik und Recht in der modernen Medizin“ einen Zwischenbericht veröffentlicht, der Empfehlungen für die Hospizarbeit und die Palliativmedizin enthält; z.B. den Anspruch auf Palliativversorgung verbindlich festzuschreiben oder die Versorgung im häuslichen Bereich zu stärken durch den Einsatz sog. Palliativ-Care-Teams (PCT) an der Schnittstelle zwischen Krankenhaus und ambulanter Versorgung. Sie arbeiten multiprofessionell, d.h. sie bestehen aus Seelsorgern, Therapeuten, Ärzten und Pflegern als hochspezialisierte und gut eingespielte Teams. Alle Akteure sind gleichberechtigt. Ehrenamtliche können hinzugezogen werden. Die PCT werden auch zu palliativmedizinischem Konsiliardienst für Hausärzte eingesetzt.

Einige dieser Forderungen wurden inzwischen umgesetzt und zeigen, dass die Hospizarbeit inzwischen als unverzichtbarer Teil unseres Gesundheitswesens verstanden wird. Am 1. April 2007 wurde deshalb mit der Gesundheitsreform der Leistungsanspruch auf ambulante Palliativversorgung eingeführt. 
Die Rahmenbedingungen für Kinderhospize wurden verbessert. Mussten die Einrichtungen bislang einen Kostenanteil von zehn Prozent selbst tragen (durch Spenden und ehrenamtliches Engagement), wird sich dieser Anteil künftig auf fünf Prozent verringern.

Mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss wurde die sog. SAPV-Richtlinie (Spezialisierte Ambulante Palliativversorgungs-Richtlinie) erarbeitet. Damit soll ermöglicht werden, dass Menschen bis zu ihrem Tod zu Hause betreut werden können; sie ist im März 2008 in Kraft getreten.  

Zudem wurden mit der Pflegereform vom März 2008 und dem Pflege-Weiterentwicklungsgesetz vom 1. Juli 2008 die Pflegestufen angehoben, ein verkürzter Begutachtungszeitraum eingeführt, und die Freistellung von sechs Monaten für Angehörigen zur Pflege und Sterbebegleitung ermöglicht - unter Beibehaltung der Sozialversicherungspflicht für den Arbeitgeber.

Hinweisen möchte ich auch auf den interfraktionellen Gesprächskreis „Hospiz“, zu dem regelmäßig Vertreter der Kirchen und vieler Verbände, wie Caritas, Hospizverbände, Diakonie eingeladen werden. Diese Verbände haben hier die Möglichkeit, auf die Schwierigkeiten hinzuweisen, die sich bei der Umsetzung von getroffenen Regelungen in die Praxis ergeben.  

Schlusswort:

Ein Tag wie heute ist sicher besonders gut geeignet, zu noch einmal zu sagen, wie segensreich und hilfreich Hospize und die Palliativmedizin sind. Die Union wird weiter an einer Verbesserung, Menschen ein würdiges Sterben zu ermöglichen, arbeiten. Wir haben schon viel erreicht, aber es bleibt noch viel zu tun. Es reicht nicht, wenn Dinge im Gesetz stehen; wir müssen dafür sorgen, dass sie umgesetzt werden.

Mir ist besonders wichtig, dass für einen größeren Bekanntheitsgrad der Hospizbewegung gesorgt wird: Noch immer wissen viel zu wenig Menschen, dass es Hospizeinrichtungen ganz in ihrer Nähe gibt, die sie unterstützen würden. Angesichts der demographischen Entwicklung werden Hospize noch wichtiger werden, als sie es heute schon sind: immer mehr Menschen entscheiden sich gegen Familie und Kinder und sind im Alter ganz allein. Da ist die Sterbebegleitung in Hospizen unverzichtbar.

Deshalb möchte ich insbesondere allen ehrenamtlichen Helfern/Innen sehr herzlich danken. Sie leben menschliche Solidarität – oder christlich ausgedrückt: wahre Nächstenliebe. Vor ein paar Wochen hatte ich die Gelegenheit, Herrn Heinze, den Leiter der Hospizgruppe Laatzen, Pattensen, Hemmingen und seine Mitarbeiterinnen kennenzulernen. Ich bin immer noch sehr beeindruckt von ihrem Engagement und freue mich sehr, dass ich einige von Ihnen heute hier wiedertreffe.

Und Ihnen allen danke ich für die Aufmerksamkeit und wünsche unserem gemeinsamen Anliegen viel Erfolg.


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