Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Reden im Deutschen Bundestag
Plenarrede zu Protokoll zu 17/5517 am 7. Juli 2011
Antrag der SPD-Fraktion: „Einrichtung eines Zentrums für alevitische Studien fördern"
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08. Juli 2011
Die dazugehörige Drucksache
Die dazugehörige Drucksache (2)
Sehr geehrter Herr Präsident,
sehr geehrte Damen und Herren,
Ich danke den Kolleginnen und Kollegen aus der SPD-Fraktion, dass Sie mit Ihrem Antrag ein Thema auf die Tagesordnung gebracht haben, das uns gemeinsam am Herzen liegt: Die Ausbildung alevitischer Religionsgelehrter und Pädagogen.
Sie verweisen zu Recht darauf, dass in unserem Land nach Schätzungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge circa 500 000 Menschen leben, die sich zum Alevitentum bekennen – die alevitische Gemeinde Deutschlands weist selbst noch höhere Zahlen aus und geht von bis zu 700 000 Aleviten in unserem Land aus. Selbstredend gilt für sie, wie für alle Menschen, die einer Religion angehören, Artikel 4 unseres Grundgesetzes, nach der sie ihre Religion ungestört ausüben dürfen – daraus folgt, dass dazu auch die Strukturen notwendig sind, die ihre Religionsausübung gewährleisten. Dazu gehört nicht nur – wenn auch zentral – der Bau von Gotteshäusern, sondern sicherlich auch die Möglichkeit der religiösen Bildung, aus diesem Grund sieht unsere Verfassung trotz der grundsätzlichen Trennung von Staat und Kirche die Kooperation im Bereich des Religionsunterrichtes vor: Gerade auch für eine Religionsgemeinschaft wie die Aleviten, denen die Bildung, speziell ihrer Kinder, ein Herzensanliegen ist, sollten wir diese Möglichkeiten nutzen und fördern.
Den Wunsch von Eltern, die sich religiöse Bildung für ihre Kinder wünschen, beantworten wir positiv. Die Union engagiert sich aus diesem Grund nicht nur für den Erhalt des konfessionellen christlichen Religionsunterrichtes (anders übrigens, als die meisten Ihrer Berliner Kolleginnen und Kollegen!), sondern seit langem fordern wir auch den flächendeckenden bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht – und selbstverständlich erheben wir diese Forderung auch für Religionsunterricht für Kinder der alevitischen Glaubensrichtung. Allerdings gebe ich auch zu: Es braucht einen langen Atem, bis die strukturellen Voraussetzungen gerade in unserem guten föderalen System dafür geschaffen sind. Religionsunterricht, der verfassungsgemäß (Art. 7 Abs. 3) ordentliches Lehrfach an staatlichen Schulen ist, braucht qualifiziertes Personal - er muss von Lehrkräften erteilt werden, die eine Ausbildung, ein Studium mit hohen Qualitätsstandards erfahren haben; die mit der deutschen Sprache souverän vertraut sind. Religionslehrerinnen und Religionslehrer - und das gilt umso mehr noch für Dedes bzw. Anas, die auf die Sorgen ihrer Gemeindemitglieder seelsorgerisch reagieren können müssen – müssen die Lebenswirklichkeiten und die Fragen der Menschen, gerade der Jugendlichen kennen, die hier leben. Es ist daher unweigerlich richtig: Unsere Universitäten sind der richtige Standort für die theologische Ausbildung: Theologie als Wissenschaft, mittels derer Glaubensgrundsätze vermittelt, hermeneutisch-kritisch durchdrungen und in den Kontext der jeweiligen Zeit hinein interpretiert werden können, ist eine wichtige akademische Disziplin. Unsere staatlichen Universitäten, an denen dafür wissenschaftliche Qualitätsstandards, Forschungsfreiheit bei gleichzeitiger Bewahrung der Glaubensgrundsätze und die Möglichkeit der interdisziplinären Zusammenarbeit mit verwandten Fächern gegeben sind, sind daher der richtige Ort für die theologische Wissenschaft. Hinzu kommt, dass die Theologie in Deutschland zudem eine Tradition hat, auf die wir stolz sein können.
Religion ist wichtig für unsere Kultur, sie ist wichtig für die Identität des einzelnen, also um der Angehörigen der Religion selbst willen – und sie ist auch wichtig unter dem Aspekt der Integration. Der Frieden und der respektvolle Umgang unter den Angehörigen der verschiedenen Religionen in unserem Land ist eine maßgebliche Voraussetzung für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft
Gegenseitiges Verständnis als Grundlage von Toleranz und des gedeihlichen Zusammenlebens erfordert, dass wir die religiösen Traditionen, die Glaubensgrundlagen des jeweils Anderen kennen.
Der Religionsunterricht an staatlichen Schulen ist der richtige Ort, um hierfür die Grundlagen zu legen: Junge Menschen lernen im bekenntnisorientierten Religionsunterricht (egal ob katholisch, evangelisch, alevitisch islamisch oder jüdisch…) am besten, sich mit religiösen und ethischen Inhalten auseinanderzusetzen. Für den Dialog mit anderen Religionen ist es notwendig, sich mit dem eigenen (auch gelebten) Glauben zu befassen. Konfessioneller Religionsunterricht hilft jungen Menschen, Orientierung zu finden und einen eigenen Standpunkt auszubilden; gerade für junge Menschen, die auf Grund ihrer Migrationserfahrung verstärkt auf der Suche nach Heimat und Identität sein können, kann der Religionsunterricht, wenn er mit geeignetem Personal durchgeführt wird, hierfür eine wichtige Stütze sein. Theologisches Wissen erleichtert es, auch der eigenen Religion gegenüber kritisch zu bleiben und fundamentalistischen Tendenzen zu widerstehen.
Wir wissen, dass wir für einen solchen Religionsunterricht, der diesen Anforderungen gerecht werden soll, gut ausgebildete Religionslehrerinnen und –lehrer brauchen.
Unsere Bundesregierung hat dies nicht nur wortreich bekundet, sondern hat dieser Erkenntnis längst Taten folgen lassen: So diskutieren wir beispielsweise im Forum der Deutschen Islamkonferenz seit 2006 mit Vertretern der muslimischen Verbände sowie muslimischen Einzelpersönlichkeiten darüber, wie dies im Fall der islamischen Theologie gelingen kann. Sie haben ja ausdrücklich begrüßt, dass unsere Bundesregierung der Empfehlung des Wissenschaftsrates vom Januar 2010 schon gefolgt ist und die Gründung islamischer Zentren an staatlichen Universitäten auch vom Bund gefördert wird. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie so deutlich machen, dass Sie diesen Schritt begrüßen, ich freue mich, dass wir uns hier über die gesamtgesellschaftliche Bedeutung dieser Aufgabe einig sind!
Islamischer Religionsunterricht ist darüber hinaus in der zweiten Runde der Islamkonferenz seit 2009 ein ausdrückliches Schwerpunktthema der Konferenz, die sich in dieser Legislaturperiode noch stärker den Herausforderungen der Praxis widmet. Ich freue mich, dass die Alevitische Gemeinde Deutschlands die Einladung unseres Bundesinnenministers in dieses Forum angenommen hat und dass sie – selbstverständlich unter dem entsprechenden Vorbehalt, den wir ernst nehmen – sich auch bereit erklärt hat, in der Projektgruppe „„Fortbildung von religiösem Personal“ der Deutschen Islamkonferenz mitzuarbeiten, die bereits einen „Leitfaden für die gesellschaftskundliche und sprachliche Fortbildung von religiösem Personal und weiteren Multiplikatoren islamischer Gemeinden auf kommunaler Ebene“ erarbeitet hat.
Unser Bundesinnenminister, Dr. Hans-Peter Friedrich hat sich ja auch persönlich unmittelbar nach seinem Amtsantritt bei einem Besuch der Alevitischen Gemeinde in Deutschland Ende März mit den Vorsitzenden des größten Dachverbandes der Aleviten zum Austausch getroffen; ich bin daher sicher, dass auch auf dieser Ebene die Frage, wie wir die qualifizierte Ausbildung alevitischer Religionsgelehrter und Pädagogen unterstützen können, konstruktiv weiter geführt wird.
Als Beauftragte meiner Fraktion für Kirchen und Religionsgemeinschaften bekunde ich ganz offen meine Sympathie für die Forderung der Alevitischen Gemeinde in Deutschland nach einem Lehrstuhl für alevitische Theologie. Ich würde die Einrichtung eines solchen Lehrstuhls (vielleicht wäre ja eine Stiftungsprofessur denkbar?) ausdrücklich begrüßen.
Aber, meine Damen und Herren, ich möchte Sie doch um Zurückhaltung bitten, was die – vielleicht vorschnelle – Forderung nach einem alevitischen Zentrum betrifft. Ich möchte sie dazu auf drei Anhaltspunkte verweisen, bevor ich zum Schluss komme:
So darf ich von der Homepage der Alevitischen Gemeinde Deutschlands zitieren:
„Für die Gewährleistung einer adäquaten Ausbildung ist die Schaffung eines ordentlichen Lehrstuhls für die alevitische Theologie unumgängliche Voraussetzung. Es gibt zur Zeit in Deutschland keine universitäre Möglichkeit, Lehrerinnen und Lehrer für den alevitischen Religionsunterricht auszubilden. Die Ausbildung der alevitischen Lehrer soll an einer Universität mit einem Erweiterungsfach erfolgen. Alevitische Studenten sollen Möglichkeit haben, das Zusatzfach Alevitische Religionslehre zu ihren zwei obligatorischen Studienfächern zu belegen.“
Von einem Zentrum ist hier nicht die Rede…
Zudem sollten wir abwarten, was das Forschungsprojekt: „Islamische Religionsbedienstete. Forschungsprojekt zur Gewinnung vertiefender Informationen über Imame und Dedes“, das vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gefördert wird, ergibt. Dieses Forschungsprojekt soll unter anderem bessere Kenntnisse über die Bildungsvoraussetzungen von Imamen und Dedes gewinnen, um den Bedarf der Aus- und Fortbildung zu eruieren und Bildungsangebote zielgruppengerecht gestalten zu können. Die Ergebnisse dieses Forschungsprojektes sollten wir doch berücksichtigen, bevor wir uns nun bei der Ausbildung alevitischer Religionsgelehrter nur an dem – durchaus wichtigen – Bedarf an Religionslehrern orientieren würden.
Zum anderen möchte ich, wie Sie in Ihrem Antrag auch, auf die Erkenntnisse des Deutschen Wissenschaftsrates verweisen. Er stellt in seinen „Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen“ vom Januar 2010 für den Fall, dass Aleviten sich nicht im Kontext des Islam verorten, ausdrücklich folgende Überlegung an: […]„Sofern sich alevitische Gemeinden und Verbände nicht im Kontext des Islam verorten, können sie keine Akteure im Kontext der Islamischen Studien werden. Dies schließt aber keineswegs aus, dass die alevitische Glaubensrichtung in Lehre und Forschung in anderen Fächern wie z. B. in der Religionswissenschaft oder in der Turkologie wissenschaftlich begleitet werden kann.“
Auch hier ist also von einer Forderung nach einem speziellen Zentrum keine Rede.
Daher meine ich: Ob es für die Förderung der Ausbildung alevitischer Religionsgelehrter eines eigenen Zentrums bedarf, dafür, meine Damen und Herren, ist es zum jetzigen Zeitpunkt zu früh, zu entscheiden – über die Form, wie wir seitens des Staates die Rahmenbedingungen unterstützen können, unter denen alevitische Religionsgelehrte am besten ausgebildet werden können, darüber müssen wir noch weiter gemeinsam nachdenken. Ich bitte Sie dafür um Ihre Unterstützung.











