Parlamentarisches Patenschaftsprogramm (PPP)

Erfahrungsbericht von Nikolas Kreß aus Laatzen

Als einer von 75 deutschen Stipendiaten bin ich im Rahmen des Parlamentarischen Patenschaftsprogramms (PPP) im August 2019 in die USA geflogen. Das Austauschjahr sollte im Juli 2020 enden, wurde aber Mitte März aufgrund der Corona Pandemie abrupt abgebrochen. Dennoch möchte ich alle interessierten jungen Menschen ermutigen, sich für die Teilnahme an diesem großartigen durch den Deutschen Bundestag und das U.S. State Department finanzierten Austauschprogramm zu bewerben.

Nikolas Kreß in New York City.

Nach einem Vorbereitungsseminar in New York City wurden alle Teilnehmer quer über die gesamte USA verteilt. Meine Gastfamilie wohnt in der 9000 Einwohner zählenden Kleinstadt Olney im ländlich geprägten Süden Illinois, etwa 400 km südlich der schillerenden Metropole Chicago. Mein Gastvater hat dazu treffend gesagt: „In der Umgebung von Olney mangelt es definitiv nicht an Bohnen- und Maisfeldern, Kirchen, Autowaschanlagen und Öl-Pumpen.“ Eine treffende Beschreibung für das konservative, fromme Kleinstädtchen mit einer stark agrarwirtschaftlichen und auf fossile Brennstoffe ausgelegten Wirtschaft.

Meine Gastfamilie.

Eigentlich erhoffte ich mir Großstadtflair, war aber nach kurzer Eingewöhnungszeit sehr zufrieden und könnte mir nun keinen besseren Platzierungsort mehr vorstellen, was vor allem an meiner liebevollen Gastfamilie liegt. Familie McClain und die Menschen in Olney sind freundlich, warmherzig und waren stets an mir und meiner Herkunft interessiert.

Von August bis Dezember 2019 studierte ich am College in Olney und sollte ab Januar 2020 praktische Berufserfahrung sammeln. Als einer von wenigen Stipendiaten konnte ich an einem Praktikum im amerikanischen Kongress in Washington D.C., dem sogenannten Congressional Internship Program (CIP), teilnehmen. Sechs Wochen lang in der Hauptstadt der USA zu leben und im amerikanischen Kongress zu arbeiten, war eine aufregende und ereignisreiche Zeit mit vielen neuen Erfahrungen für mich.

Congressman John Shimkus.

Mein Praktikumsplatz war im Büro von Congressman John Shimkus, der die Bürger aus dem südöstlichen Teil von Illinois im amerikanischen Kongress vertritt. Ich konnte intensive Einblicke in den Alltag der amerikanischen Politik und das amerikanische Selbstverständnis gewinnen. Das gescheiterte Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump, die demokratischen Vorwahlen und die bekannte „State of the Union“ konnte ich hautnah miterleben.

Nikolas Kreß mit Chef Demokratin Nancy Pelosi.

Der Arbeitstag war anstrengend, aber auch faszinierend: Wenn man Glück hatte, laufen einem Nancy Pelosi, Adam Schiff oder Mitt Romney über den Weg und sind zu einem kurzen Smalltalk bereit. Als Praktikant habe ich Besuchertouren durch das Capitol geführt und war für den Telefonkontakt mit den Bürgern aus unserem Wahlbezirk in Illinois zuständig, wobei diese mit mir über ihre Sorgen, Ängste, Träume und Wünsche gesprochen haben, auf Englisch versteht sich. Meine Hauptaufgabe bestand aber darin verschiedene Vorlesungen und Veranstaltungen zu besuchen und die Ergebnisse in schriftlichen Berichten für meinen Congressman zusammenzufassen. Besonders außenpolitische Themen interessieren mich brennend, sodass ich oft zu NATO, UNO oder Weltbankveranstaltungen gegangen bin. Natürlich durfte auch ein Besuch im Weißen Haus nicht fehlen.

Der Presseraum des Weißen Hauses.

Für einen konservativen Republikaner wie John Shimkus zu arbeiten war nicht immer einfach. Oftmals musste ich meine eigenen politischen Ansichten im Dialog mit den Bürgern für mich behalten, denn professionelles Verhalten ist die Grundvoraussetzung für das Praktikum als Repräsentant meines Abgeordneten. In den USA habe ich erlebt, dass dort auch kleinen politischen Ämtern schon große Wertschätzung entgegengebracht wird, eine Haltung die auch Deutschland gut tun würde. Persönlich kann ich mir durchaus vorstellen auch einmal in die Politik zu gehen.

Nach dem erlebnisreichen sechswöchigen Praktikum in Washington arbeitete ich ab März 2020 im Büro einer Versicherung in Olney und plante bereits meinen nächsten Roadtrip an die Westküste. Mit Melancholie erinnere ich mich gerne an die unbeschwerte Zeit in den USA zurück, denn an freien Tagen wurden oft spontane Reisen gestartet. Mit dem eigenen Auto und einer ganzen Menge Reise- und Abenteuerlust konnte ich 24 U.S. Staaten binnen 7 Monaten besuchen. Ein Highlight war der zweiwöchige Aufenthalt zu Silvester in New Orleans, einer Stadt die aktuell auch arg unter Covid-19 leidet, und der Besuch eines Footballspiels meiner Lieblingsmannschaft der New Orleans Saints.

Footballspiel in New Orleans.

Leider wurde mein Austauschjahr dann Mitte März 2020 abrupt abgebrochen. Aufgrund der Corona Krise hat der Deutsche Bundestag gemeinsam mit dem U.S. Außenministerium beschlossen das Programm schnellstmöglich zu beenden – vier Monate vor dem regulären Programmende.

In einer E-Mail wurde allen deutschen und amerikanischen Teilnehmern am 12. März mitgeteilt, dass das Programm mit sofortiger Wirkung beendet sei und alle schnellstmöglich nach Hause fliegen müssen. Ich war völlig perplex und musste umgehend meinen Job beenden, mein Auto verkaufen, meine Versicherungen und Mitgliedschaften kündigen, meine Koffer packen und mich von meiner lieb gewonnenen Gastfamilie und dem gesamten Umfeld verabschieden.

Aus allen Teilen der USA wurden die PPP-Teilnehmer am 15. März nach New York City geflogen, dem heutigen Corona Hotspot in den USA, und von dort aus ging es dann Richtung Frankfurt. Inzwischen verstehe ich die Haltung des Bundestages und bin ehrlich gesagt froh wieder zu Hause in Deutschland zu sein, vor allem im Hinblick auf die eskalierende Lage in den USA, das unzureichende Gesundheitssystem sowie das dortige Krisenmanagement. Ich schätze mich wirklich glücklich und bin stolz auf unsere soziale Marktwirtschaft, unser Gesundheitssystem und das Krisenmanagement der deutschen Regierung.

Die Lage ist ernst – nicht nur in Deutschland, wo ein System sozialer Absicherungen, Kurzarbeitergeld und Hilfen für Unternehmen und Selbstständige gewährt. Ein System, das es in den USA so nicht gibt. Nicht nur ist die USA inzwischen das Land mit den meisten Covid-19 Infizierten, sondern dort sind auch innerhalb einer Woche 10 Million Menschen arbeitslos geworden. Aber was am schlimmsten ist, immer mehr Amerikaner infizieren sich und haben aufgrund des dortigen Gesundheitssystems nur beschränkte Möglichkeiten sich testen oder behandeln zu lassen. Und das alles im reichsten Land der Erde, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, was im November 2020 wohl einen neuen Präsidenten wählen wird.

Abschließend möchte ich mich bei allen bedanken, die mir diese unvergessliche Zeit ermöglicht haben. Zu meiner Paten-Abgeordneten Frau Dr. Maria Flachsbarth hatte ich immer einen engen und stetigen Kontakt und nach der Abbruchmail war sie die erste Person, die ich fassungslos anrief, um mir diese Entscheidung erklären zu lassen.

Auch wenn der diesjährige PPP-Austausch so abrupt zu Ende ging, kann ich jedem Schüler und jedem jungen Berufstätigen nur raten sich für das Parlamentarische Patenschafts Programm zu bewerben. Infos findet man unter www.bundestag.de/ppp.