Persönliche Erklärung zu “She decides”

Meine persönliche Erklärung zu dem Antrag der Koalitionsfraktionen im Deutschen Bundestag zur Globalen Gesundheit (Drs. 19/19491), in dem auch die Förderung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte benannt wird, und meinem Engagement als „Champion der She-decides-Bewegung“:

Tatsächlich setze ich mich nachdrücklich für das Recht einer jeden Frau ein, selbst zu entscheiden, ob, wann, mit wem und wie vielen Kindern sie das Leben schenken möchte. Dieses Engagement gleichzusetzen mit einem Engagement für Abtreibungen als Mittel der Verhütung ist so falsch wie absurd.

In meiner Arbeit als Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung erfahre ich nahezu jeden Tag, dass Frauen und Mädchen in allen Teilen der Welt nach wie vor um gleichberechtigte Teilhabe kämpfen müssen: um ausreichend Nahrung und sauberes Wasser, um sanitäre Einrichtungen und Menstruationshygiene, um die Chance auf Bildung und damit perspektivisch auf wirtschaftliche Unabhängigkeit sowie ein selbstbestimmtes Leben, frei von (sexualisierter) Gewalt.

Werfen wir einen Blick auf die Lebenswirklichkeit von hundertausenden Mädchen und jungen Frauen:

  • Aufgrund des fehlenden Zugangs zu Sexualaufklärung und Verhütungsmitteln, aufgrund sexualisierter Gewalt, wirtschaftlicher Abhängigkeiten und ungleicher Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen kommt es in Entwicklungsländern zu zahlreichen ungeplanten Schwangerschaften – insgesamt 21 Millionen Teenagerschwangerschaften pro Jahr. Ungefähr die Hälfte davon entbinden, darunter sind ca. 770 000 Mädchen, die bei Entbindung noch keine 15 Jahre alt sind.
  • Für diese Mädchen bedeutet eine Schwangerschaft, dass sie häufig kaum eine Chance auf Bildung haben, sie fürchten müssen von ihrer Familie verstoßen zu werden und sich darum kümmern müssen, wie sie sich und ihre Kinder durchbringen können. Deshalb lassen sie sich trotz der Risiken auf unsichere Schwangerschaftsabbrüche ein – jedes Jahr ca. 3,9 Millionen Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren. Für die Betroffenen bedeutet das, neben der psychischen Belastung, ein hohes gesundheitliches Risiko: Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen sind weltweit die häufigste Todesursache bei Mädchen im diesem Alter in Entwicklungsländern.
  • 214 Millionen Frauen in Entwicklungsländern, die eine ungewollte Schwangerschaft vermeiden wollen, haben keinen ausreichenden Zugang zu modernen Verhütungsmitteln. Jährlich kommt es deshalb zu 89 Millionen nicht geplanten Schwangerschaften, mehr als 800 Frauen pro Tag sterben an vermeidbaren Komplikationen in Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt. Subsahara-Afrika hat mit 546 Todesfällen pro 100.000 Lebendgeburten die höchste Müttersterblichkeitsrate der Welt. Ein Grund ist, dass viele Geburten nicht professionell begleitet werden. Auf dem afrikanischen Kontinent sind es weniger als 60%.
  • Schätzungsweise 650 Millionen Mädchen weltweit wurden vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet, was 21% (junger) Frauen entspricht. Am stärksten ist Kinderheirat in Subsahara-Afrika verbreitet: 37% der Frauen wurden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Jedes Jahr werden weltweit weitere 12 Millionen Mädchen verheiratet, wenn nichts gegen diese Praxis unternommen wird.
  • Im südlichen und östlichen Afrika sind 83% aller neu mit HIV-infizierten Personen Mädchen und junge Frauen zwischen 10 und 19 Jahren. Gründe hierfür sind wiederum u.a. wirtschaftliche Abhängigkeit, sexuelle Gewalt und ein geringes Wissen über die Infektionswege: Nur drei von zehn Mädchen haben umfassendes Wissen zur HIV-Prävention.
  • Mindestens 200 Millionen Mädchen und Frauen weltweit leben gegenwärtig mit Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM). In 30 Ländern, zumeist auf dem afrikanischen Kontinent, aber auch in einigen arabischen und asiatischen Ländern, wird FGM praktiziert. FGM kann schwerwiegende psychische, physische und soziale Folgen haben und sogar zum Tod führen und gilt daher als eine schwere Verletzung der Menschenrechte und Würde der Betroffenen sowie als ein Entwicklungshemmnis für Mädchen, Frauen und die Gesellschaften, in denen sie leben.

Genau aus diesen Gründen setze ich mich ein für das Recht auf ein gesundes und selbstbestimmtes Leben sowie den Schutz von Frauen und Mädchen – mit besonderem Augenmerk auf Frauen und Mädchen auf der Flucht, die ihre Situation nochmals um ein Vielfaches prekärer macht.

Deutsche Entwicklungszusammenarbeit engagiert sich, im Einklang mit den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation, deshalb für sexuelle und reproduktive Gesundheit. Dazu gehört eine professionelle Geburtsbegleitung zur Reduzierung der Mütter- und Neugeborenensterblichkeit sowie der Zugang zu Verhütungsmitteln, um ungewollte Schwangerschaften und damit auch Schwangerschaftsabbrüche zu reduzieren und damit nicht nur große gesundheitliche Risiken, sondern vor allem unsagbares Leid und zerstörte Leben zu vermeiden.

In der deutschen Entwicklungszusammenarbeit sind Schwangerschaftsabbrüche selbstverständlich und ausdrücklich kein Mittel der Familienplanung. Über die Initiative „Selbstbestimmte Familienplanung und Müttergesundheit“ unterstützt die Bundesregierung mit durchschnittlich 100 Millionen Euro jährlich Maßnahmen in der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit, um den Zugang zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit für Mädchen und Frauen in den Entwicklungsländern zu stärken. Über die Initiative ermöglicht die Bundesregierung unter anderem den Zugang zu Sexualaufklärung, selbstbestimmter Familienplanung und professioneller Geburtsbegleitung. Die aktuelle Phase der Initiative läuft von 2019 bis 2023.

Über ihr multilaterales Engagement leistet die Bundesregierung einen weiteren wichtigen Beitrag, um die sexuellen und reproduktiven Rechte von Mädchen und Frauen zu stärken, ihnen Schutz vor geschlechtsbasierter Gewalt und Kinderheirat zu gewähren und ihnen auch in Krisensituationen lebensnotwendige Gesundheitsdienstleistungen zukommen lassen zu können. Das BMZ unterstützt den VN Bevölkerungsfonds UNFPA im Jahr 2020 mit einem Kernbeitrag in Höhe von 40 Millionen Euro, sowie die internationale Familienplanungsorganisation IPPF mit 12 Millionen Euro. Die bei der Weltbank angesiedelte Global Financing Facility (GFF) für die Gesundheit und Ernährung von Frauen, Kindern und Jugendlichen wird in den Jahren 2020 und 2021 mit insgesamt 50 Millionen Euro unterstützt.
Sehr geehrte Damen und Herren, in der Agenda 2030 hat sich die internationale Staatengemeinschaft auch die Verbesserung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit (SDG 3) zum Ziel gesetzt. Die Förderung der sexuellen und reproduktiven Rechte steht in einem engen Zusammenhang mit der Förderung der Gleichberechtigung der Frau, die ein zentrales Anliegen der Bundesregierung ist. Wenn Mädchen und Frauen selbstbestimmt entscheiden können, wann und wie viele Kinder sie bekommen wollen, erhöht sich ihre Chance auf weiterführende Bildung und damit auch die Möglichkeiten sich am Arbeitsmarkt zu beteiligen. Dies hat neben den individuellen Möglichkeiten auch signifikante gesamtwirtschaftliche Auswirkungen. Und es zeigt sich, dass in Familien, in denen die Frauen um die Funktionen ihres Körpers, um die Wichtigkeit von ausgewogener Ernährung, Gesundheitsschutz und Bildung für ihre Kinder wissen, weniger Kinder geboren werden, weil die Eltern weniger Angst haben müssen, dass sie sterben, bevor sie erwachsen sind.

Für mich ist Wegschauen keine Option. Deshalb setze ich mich gerade als katholische Christin für die Rechte von Frauen und damit auch eine verantwortete Elternschaft ein.